Gesund und vital
Artikel vom 01.11.2014


Alarmzeichen Rückenschmerzen

Expertenrat bei Rückenschmerzen. djd Wavebreak Media MSD
Expertenrat bei Rückenschmerzen. djd Wavebreak Media MSD

Chronische Rückenbeschwerden können auf eine rheumatische Erkrankung hindeuten

Die Schmerzen sitzen tief. Vor allem in der Nacht und in den frühen Morgenstunden können sie qualvoll sein. Nicht selten stehen die Betroffenen vorzeitig auf und kämpfen gegen die Morgensteifigkeit an, die insbesondere mit einer eingeschränkten Beweglichkeit im unteren Rücken einhergeht. Bei Bewegung bessern sich die Beschwerden. Halten die sich langsam steigernden Schmerzen mehr als drei Monate an, kann eine entzündlich-rheumatische Erkrankung wie Morbus Bechterew die Ursache sein. Die nach einem russischen Neurologen benannte Krankheit wird auch ankylosierende Spondylitis (AS) genannt und tritt meist im Alter zwischen 16 und 40 Jahren erstmals auf.

Frauen verlieren wertvolle Zeit

Gerade bei jüngeren Menschen werden die Beschwerden jedoch oft mit klassischen Verspannungen oder Überlastungen der Rückenmuskulatur in Verbindung gebracht. So kommt es, dass die Betroffenen häufig eine Odyssee durch zahllose Wartezimmer hinter sich haben, bis Ärzte die richtige Diagnose stellen. Lange wurde Morbus Bechterew auch als typische Männererkrankung eingestuft. Heute weiß man, dass fast gleich viele Frauen betroffen sind. Doch bei ihnen erschweren ein häufig schleichender Krankheitsverlauf – was nicht mit „mildem Verlauf“ gleichzusetzen ist – und wenig typische Symptome den Befund. Mögliche Anzeichen werden oft fehlgedeutet. So geht zwischen den ersten Beschwerden und einer gesicherten Diagnose wertvolle Zeit für eine rechtzeitige Therapie verloren, während die entzündlichen Prozesse ungehindert zu einer knöchernen Versteifung der Wirbelsäule führen können. Bei Bechterew-Patientinnen entwickelt sich diese Versteifung meist langsamer und nicht so ausgeprägt wie bei Männern.

Richtige Behandlung beeinflusst Krankheitsverlauf positiv

Der Verlauf der Bechterewschen Erkrankung, der meist mit den typischen tief sitzenden Kreuzschmerzen beginnt, ist bei jedem anders. In der einen Patientengruppe beherrschen die Entzündungsschmerzen den Krankheitsverlauf, in der anderen steht die Versteifung im Vordergrund. Schreitet die Krankheit fort, können auch andere Organe wie Augen, Haut und Darm betroffen sein. Bei Frauen nehmen die Schmerzen mit den Jahren häufig zu, bei Männern "brennt" die Erkrankung oft aus und die Entzündungen lassen nach. Das Ausmaß der Einschränkung durch Schmerzen oder Versteifung lässt sich jedoch mithilfe einer gezielten Therapie und dem eigenen Verhalten maßgeblich beeinflussen. Zur Behandlung stehen neben klassischen antientzündlichen Rheuma-Mitteln (u. a. NSAR, Coxibe) auch moderne Biologika zur Verfügung. Diese so genannten TNF-alpha-Blocker, wie zum Beispiel Infliximab oder Golimumab, können effektiv zur Entzündungshemmung und Schmerzlinderung beitragen und den Krankheitsverlauf entscheidend beeinflussen.

Lebensqualität und Eigenständigkeit erhalten

Darüber hinaus können mit krankengymnastischen Übungen und konsequenter Haltungskontrolle sichtbare Verkrümmungen in den allermeisten Fällen vermieden werden. Auch nach einer Krankheitsdauer von 40 Jahren sind viele Patienten in der Lage, ihren Alltag ohne fremde Hilfestellung zu bestreiten. Allerdings wird die versteifte Wirbelsäule mit der Zeit porös und neigt zu Wirbelbrüchen. Daher müssen sich vor allem ältere Betroffene auch vor scheinbar harmlosen Unfällen in Acht nehmen.

Prof. Dr. Jürgen Braun, Ärztlicher Direktor des Rheumazentrums Ruhrgebiet in Herne und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie: Es gibt tatsächlich eine familiäre Veranlagung zu Morbus Bechterew. Um das abzuklären, sollte auf alle Fälle ein Arzt, idealerweise ein Rheumatologe, aufgesucht werden, der mit Hilfe einer eingehenden Anamnese, einer körperlichen Untersuchung und Blut- und bildgebenden Untersuchungen wie Röntgen und/oder MRT die Diagnose stellt.

Prof. Dr. Jürgen Braun: Im Prinzip ja, aber man kann das nicht pauschal beantworten. Es hängt davon ab, ob es andere Hinweise für eine entzündliche Ursache gibt. Um festzustellen, ob es sich bei Ihren Rückenbeschwerden um eine rheumatische Erkrankung handelt, stehen uns verschiedene diagnostische Möglichkeiten zur Verfügung. Das Beste ist, Sie suchen einen Rheumatologen auf. Einen geeigneten Arzt in Ihrer Nähe finden Sie beispielsweise über die Homepage der Fachgesellschaft DGRh.

Prof. Dr. Herbert Kellner, niedergelassener Facharzt für Innere Medizin, Rheumatologe und Gastroenterologe in München. Ärztlicher Leiter der Abteilung Rheumatologie, Krankenhaus Neuwittelsbach. Ärztlicher Berater der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew: Eine Patientin mit Morbus Bechterew kann natürlich ein oder auch mehrere Kinder bekommen. Bei einer Schwangerschaft muss generell die medikamentöse Therapie geprüft werden. Hier gibt es bei einigen Präparaten Einschränkungen. Die Geburt selbst kann auf natürlichem Wege erfolgen. Ein Kaiserschnitt ist nur in Einzelfällen erforderlich.

Prof. Dr. Herbert Kellner: Bei etwa 30 Prozent der Patienten kommt es im Krankheitsverlauf zu einer Beteilung einiger Gelenke, vor allem an Beinen und Armen. Bei weiteren 30 Prozent der Betroffenen geht der Morbus Bechterew mit einer Regenbogenhautentzündung der Augen, einer so genannten Uveitis anterior, einher. In einigen Fällen wird ein gemeinsames Vorkommen von Morbus Bechterew und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, beispielsweise einem Morbus Crohn oder einer Colitis ulcerosa, beobachtet. Die Beteiligung innerer Organe ist äußerst selten. In Einzelfällen besteht auch eine Kopplung mit Schuppenflechte, der Psoriasis.

Prof. Dr. Herbert Kellner: Primärer Ansprechpartner für Patienten mit Morbus Bechterew ist der Rheumatologe. Insbesondere der internistische Rheumatologe ist heutzutage weitgehend für die oft anspruchsvolle medikamentöse Therapie mit beispielsweise TNF-alpha-Blockern verantwortlich. Spezialisten finden Sie über die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB), die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) oder den Berufsverband der Rheumatologen (BDRh).

Prof. Dr. Joachim Sieper, Leiter der Rheumatologie an der Charité Universitätsmedizin, Campus Benjamin Franklin, Berlin: Für die Behandlung des Morbus Bechterew sind die so genannten TNF-alpha-Blocker, die der Gruppe der Biologika zugeordnet sind, zugelassen. Diese Substanzen hemmen einen speziellen Botenstoff, der bei der Entzündung eine große Rolle spielt, das so genannte TNF-alpha. Dadurch erfolgt eine sehr effektive Unterdrückung und Behandlung der Entzündung und infolgedessen wiederum eine deutliche Besserung der typischen Beschwerden wie Schmerzen und Steifigkeit.

Prof. Dr. Joachim Sieper: Biologika kommen für Patienten mit Morbus Bechterew infrage, die trotz einer ausreichenden Therapie mit klassischen Schmerzmedikamenten wie Diclofenac und Physiotherapie anhaltende Symptome wie Schmerzen, Steifigkeit und Abgeschlagenheit haben.

Prof. Dr. Joachim Sieper: Nein, auf keinen Fall. Erstens verläuft die Krankheit nur bei einem sehr kleinen Prozentsatz so schwer, dass es zu einer anhaltenden, ausgeprägten Behinderung kommt. Zweitens versuchen wir zunehmend durch eine frühe Diagnose und frühe Behandlung eine Langzeitbehinderung zu verhindern.

Ludwig Hammel, Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew e. V., Vorstandsmitglied der Deutschen Rheuma Stiftung und Morbus-Bechterew-Patient: Bewegung ist grundsätzlich besser als keine Bewegung. Es macht jedoch Sinn, eine gezielte Morbus-Bechterew-Krankengymnastik durchzuführen, da diese den typischen Fehlstellungen entgegenwirkt. Wenn darüber hinaus noch Sport getrieben wird, ist das natürlich ideal. Gerade Sport, den man gern betreibt, empfindet man nicht als Belastung - was leider bei der gezielten Krankengymnastik nicht immer der Fall ist. Die Erfahrung zeigt aber, dass man sich nach der Krankengymnastik deutlich besser fühlt, da man wieder beweglicher ist. Allgemein kann man sagen, dass Nordic Walking, Radfahren, Volleyball und im Winter auch Skilanglauf in angepasster Form von Morbus-Bechterew-Patienten gern gewählt werden.

Ludwig Hammel: Morbus Bechterew kann man durchaus positiv mit der Ernährung beeinflussen. Eine ausgewogene mediterrane Ernährung, mit der man Übergewicht vermeidet, hat sich für Morbus-Bechterew-Patienten als positiv erwiesen. Wichtig ist, dass der Speisezettel genügend Fisch, weniger Fleisch und mehr Gemüse und Salat beinhaltet. Man sollte aber daran denken, dass Essen auch eine Frage von Lebensqualität ist. Wenn man beides miteinander vereinen kann, mediterranes Essen und gutes Essen, welches ausgewogen ist, dann ist dies sicherlich positiv für die Erkrankung.

Ludwig Hammel: Fundierte Informationen finden Sie im Internet auf den Seiten der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB) e. V. unter www.bechterew.de. Das Netzwerk bietet neben aktuellen Fakten umfassende Hilfe zur Selbsthilfe. Zusätzlich zu Beratung und der Möglichkeit zum Austausch in Patientenforen oder im Gruppenchat finden Betroffene hier auch die Adressen und Ansprechpartner von örtlichen DVMB-Therapiegruppen.

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