Gesund und vital
Artikel vom 01.11.2014


Burn-out – die neue Volkskrankheit?

Sorgen, Ärger, Stress, Überforderung: Der Frust im Job nimmt bei immer mehr deutschen Arbeitnehmern zu. Sie melden sich ab, entweder in den Krankenstand oder durch die innerliche Kündigung. Die Hektik und der Leistungsdruck der modernen Arbeitswelt haben dazu geführt, dass das Burn-out-Syndrom zur Volkskrankheit zu werden droht.

Viele Symptome ähneln denen einer Depression: Lustlosigkeit, Traurigkeit, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und somatische Beschwerden wie Kopf-, Rücken- und Gelenkschmerzen. Den Unterschied zwischen einer Depression und einem Burn-out kann oft nur der medizinische Experte durch eine genaue Diagnose feststellen. 

Mobbing als häufige Ursache für das Burn-out-Syndrom

Eine der häufigsten Ursachen für ein Burn-out-Syndrom ist ein über einen längeren Zeitraum erlebtes Mobbing. Mobbing kann viele Facetten haben: Die Betroffenen werden zum Beispiel von Kollegen oder Vorgesetzten schikaniert, beleidigt, belästigt oder auch ausgegrenzt. Sie erhalten Arbeitsaufgaben, die sie entweder völlig über- oder unterfordern, in beiden Fällen bedeutet dieses Vorgehen aber eine tiefe Kränkung für den Mitarbeiter.

Burn-out durch Mobbing äußert sich bei den Betroffenen durch Motivationslosigkeit am Arbeitsplatz bis hin zu schwerwiegenden Ängsten. Die Menschen kommen morgens kaum aus dem Bett, beim Gedanken an den Gang zur Arbeit möchten sie den Tag am liebsten verschlafen. Für viele ist es schwer, alleine aus diesem Tief wieder herauszukommen. Oftmals ist professionelle Hilfe durch einen Psychotherapeuten oder in einer Spezialklinik nötig.

Gefahr erkannt – Gefahr gebannt

Prinzipiell ist es wichtig, gefährlichen Stress im Job frühzeitig wahrzunehmen. Dann kann man versuchen, noch rechtzeitig gegenzusteuern. Die konkreten Ursachen für einen Burn-out können sehr unterschiedlich sein. So gibt es Arbeitnehmer, die einfach zu viel gleichzeitig tun und dadurch überfordert sind. Anderen fehlt es an Selbstorganisation. Wer Prioritäten setzt und sich bei der Arbeit auf das Wesentliche konzentriert, kann so schon Stress vermeiden. Perfektionisten wiederum sollten lernen, auch einmal Nein zu sagen. Zur Burn-out-Prävention können auch gezielte Entspannungs- und Stressbewältigungstechniken beitragen.

Die meistgestellten Leserfragen am Expertentelefon „Burn-out“

Dr. Morad Ghaemi, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Bergheim: Grundsätzlich sind Gefühle von Überlastung und gelegentliche Schlafprobleme noch kein Grund zur Besorgnis, solange diese zeitlich limitiert bestehen. Problematisch wird es, wenn so eine Phase länger als nur ein paar Wochen andauert und man den Eindruck bekommt, dass man gar nicht mehr abschalten kann und auch in der Freizeit nicht mehr zur Ruhe kommt oder an nichts mehr Freude hat. Dann sollte man Hilfe suchen.

Dr. Morad Ghaemi: Der erste Ansprechpartner sollte hier der Hausarzt sein. Dieser kennt den Patienten in der Regel schon sehr lange und ist auch mit seinem sozialen, familiären und beruflichen Umfeld vertraut. Der Hausarzt wird den Betroffenen dann unter Umständen an einen Psychiater oder an einen Psychotherapeuten überweisen. Infrage kommt auch ein Gespräch mit einem Betriebsarzt, welcher die beruflichen Gegebenheiten gut kennt.

Christoph Andersch, Experte für Berufsunfähigkeitsversicherungen bei den Ergo Direkt Versicherungen, Fürth: Vor Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung sollten Sie sich über den geplanten Anbieter informieren, beispielsweise im Internet oder in unabhängigen Publikationen wie „Finanztest“. Die Absicherung selbst sollte bis zum persönlich geplanten Eintritt in die Altersrente vereinbart werden und die Rentenhöhe in etwa 70 bis 80 Prozent Ihres letzten Nettoarbeitseinkommens abdecken. Die Fragen zur beruflichen und gesundheitlichen Situation müssen beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung wahrheitsgemäß und gewissenhaft beantwortet werden. Darüber hinaus sollten Sie einen Vertrag wählen, bei dem auf die sogenannte abstrakte Verweisungsmöglichkeit verzichtet wird.

Christoph Andersch: Besonders in diesem Alter ist es – unabhängig von der familiären Situation – sinnvoll, eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen. Denn gerade in jungen Jahren ist die gesundheitliche Situation meist gut und damit problemlos versicherbar. Zudem ist die Absicherung aufgrund des Alters im Allgemeinen zu äußerst günstigen Beiträgen zu bekommen. Auch in Ihrem Fall sollte die Höhe der Berufsunfähigkeitsrente ca. 70 bis 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens betragen.

Christoph Andersch: Sicherlich ist es schwierig, bei einer psychischen Vorerkrankung einen vollen Versicherungsschutz zu erhalten. Eine generelle Ablehnung eines Antrags ist damit jedoch nicht verbunden. So besteht etwa die Möglichkeit, psychische Erkrankungen vom Versicherungsschutz auszuschließen, sodass zumindest für alle weiteren Risiken der Schutz bestehen würde. Es ist daher durchaus ratsam, auch mit den geschilderten gesundheitlichen Vorbelastungen eine Berufsunfähigkeitsversicherung zu beantragen.

Detlef Staadt, Diplom-Psychologe, Offenburg: Sie sollten sich am besten an einen Fachmann – beispielsweise einen Diplom-Psychologen oder Psychotherapeuten – wenden, um die Thematik zu besprechen und gemeinsam mit dem Experten einen individuellen Lösungsweg zu erarbeiten. Diesen Schritt sollten Sie zügig einleiten. Denn ansonsten könnte das mögliche Problem chronisch werden oder es könnte sogar zu einer „Self-Fulfilling Prophecy“ kommen: Ihre Angst vor der Entlassung reduziert möglicherweise effektiv ihre Leistungsfähigkeit und vergrößert somit tatsächlich das Risiko für eine Entlassung.

Detlef Staadt: Zunächst sollten Sie unbedingt mit einem Fachmann, wie etwa einem Diplom-Psychologen oder Psychotherapeuten, sprechen und mit diesem gemeinsam individuelle Lösungsstrategien entwickeln. Bevor das nicht geschehen ist, rate ich Ihnen davon ab, ihren Vorgesetzten anzusprechen. Im ungünstigsten Fall könnten Sie dann ja tatsächlich als Versager dastehen, was vermieden werden sollte. In den Gesprächen mit einem Experten können und sollten Sie ihre Überlegung, den Vorgesetzten anzusprechen, zum Thema machen und dafür einen Lösungsweg erarbeiten.

PD Dr. med. Christine Rummel-Kluge, Geschäftsführerin, Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Ja, auch Jugendliche können leider bereits unter einem Burn-out leiden, und die Diagnose Depression gibt es ebenfalls auch schon bei Kindern und Jugendlichen. Die entsprechenden Symptome sollte man daher sehr ernst nehmen.

PD Dr. med. Christine Rummel-Kluge: Hier ist es wichtig, professionelle Hilfe etwa durch den Hausarzt in Anspruch zu nehmen und zu schauen, ob vielleicht auch andere Lebensbereiche von dieser Lustlosigkeit und Niedergeschlagenheit betroffen sind. Ein Burn-out ist „kontextbezogen“, eine Depression dagegen betrifft alle Lebensbereiche.

Carmen Jux, Betriebsärztin bei der DKV Deutsche Krankenversicherung AG, Köln: Sie sollten den Betriebsarzt aufsuchen. Dieser kann Maßnahmen im Betrieb organisieren, die Ihnen eine Wiedereingliederung am alten Arbeitsplatz ermöglichen und Sie gegebenenfalls auch noch zu Ihrer Erkrankung beraten. Sie erhalten unter anderem Tipps, die Ihre Wiedereingliederung positiv beeinflussen können. Eine Verpflichtung, den Termin wahrzunehmen, besteht allerdings gesetzlich nicht.

Carmen Jux: Die Funktion des Betriebsarztes liegt in erster Linie in der Beratung des Arbeitgebers und der Arbeitnehmer in allen Fragen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes. Die notfallmäßige Behandlung oder Erstbehandlung wie etwa bei Unfällen im Betrieb ist zugelassen. Der Betriebsarzt unterliegt wie alle anderen Ärzte auch der Schweigepflicht. Ihre Unterlagen wandern nicht in die Personalakte, sondern werden separat aufbewahrt. Diagnosen werden der Personalabteilung nicht weitergeleitet.

Carmen Jux: Bitten Sie den Mitarbeiter zu einem persönlichen Gespräch. Hier sollten Sie ihn konkret mit den Auffälligkeiten und Ihren Befürchtungen konfrontieren. Bieten Sie dann Hilfe an, etwa durch den Betriebsarzt oder die Sozialbetreuerin. Fragen Sie den Mitarbeiter, ob der Betrieb etwas zur Unterstützung bei den Problemen leisten kann. Treffen Sie Vereinbarungen und machen Sie vor allem auch einen neuen Gesprächstermin fest.

Fragen der User bei "Experten-im-Chat"

Antwort Dr. Morad Ghaemi: Es gibt allenfalls einige Hinweise auf ein Burn-out Syndrom. Diese sind allerdings sehr unspezifisch und können auch Folge einer anderen psychischen Erkrankung wie beispielsweise einer Depression sein. Insofern sollten Sie, wenn Sie bei sich den Verdacht auf ein Burn-out Syndrom haben, zunächst Ihren Hausarzt darauf ansprechen. Dieser wird Sie dann gegebenenfalls an einen Facharzt für Psychiatrie oder einen Psychotherapeuten weiterleiten. Die im Internet teilweise zu findenden "Tests" auf das Vorliegen eines Burn-out-Syndroms sind in aller Regel nicht besonders zuverlässig.

Antwort Carmen Jux: Je nach Schwere des Krankheitsbildes erfolgt eine ambulante oder stationäre Behandlung. Es ist nicht zwingend ein Klinikaufenthalt erforderlich. Sehr häufig findet eine Behandlung auch in einer Tagesklinik statt. Hier sollte man dem Rat des behandelnden Facharztes vertrauen, der Ihnen die geeignete Behandlungsmöglichkeit empfehlen wird.

Antwort Detlef Staadt: Ein Burn-Out-Syndrom kann tatsächlich jeden Menschen treffen. Daher ist es ratsam und sinnvoll, dass Sie Ihren Verwandten nicht einfach als "krank" oder gar "behindert" betrachten. Das könnte den Stress weiter verstärken. Bleiben Sie daher gelassen und versuchen Sie dann mit ihm gemeinsam herauszufinden, was genau die Ursachen für sein Burn-Out-Syndrom sein könnten. Der Ursprung liegt oftmals darin, dass Menschen zu ehrgeizig, zu perfektionistisch oder übereifrig sind. In der Gesellschaft werden diese Einstellungen und Verhaltensweisen allerdings oft sehr positiv gesehen, was dann in einem Teufelskreis das Burn-Out-Syndrom leider weiter verstärkt. Daher sollten Sie alle Faktoren - also auch scheinbar positive - als Ursachen für den Burn-out Ihres Angehörigen in Betracht ziehen. Hilfreich ist hierzu auch das so genannte Maslach-Burnout-Inventar, das sie per Suchmaschine im Internet finden können.

Antwort Dr. Morad Ghaemi: Engen, ausgewählten Freunden sollten Sie durchaus von Ihren Problemen berichten. Ich halte es allerdings nicht für sinnvoll, einen zu großen Kreis von Personen einzubeziehen. Die belastende Thematik nimmt dann zu viel Raum im Privatleben ein, durch zu viele unterschiedliche Ratschläge kann man unter Umständen eher noch weiter verunsichert werden.

Antwort Carmen Jux: In der Regel gibt es dafür einen Betriebsarzt und in großen Betrieben manchmal auch eine Sozialbetreuerin. Sehr große Betriebe leisten sich auch externe Coaches für die Supervision.

Antwort Christoph Andersch: Geeignet dafür sind Internetrecherchen über Vergleichsportale oder Publikationen unabhängiger Stellen wie beispielsweise "Finanztest". Bei einem Vergleich sollten Sie auf sehr gute Testergebnisse achten!

Antwort Dr. Morad Ghaemi: Entscheidend sind berufliche, private und persönliche Faktoren. Hinsichtlich des Berufs ist dies vor allem eine ständige und starke Überforderung, mangelnde Wertschätzung und/oder Streit mit den Kollegen. Im privaten Bereich können natürlich Ehe- oder Partnerschaftsprobleme ein wichtiger Faktor sein. Im umgekehrten Fall kann ein positiver familiärer Rückhalt Probleme mit der Arbeit dagegen gut kompensieren. Nicht zuletzt spielt natürlich die persönliche Konstitution eine ganz entscheidende Rolle. Hierbei gibt es biographische, aber auch genetische Faktoren, die über die individuelle Resistenz gegenüber Stress und damit dem Risiko, von einem Burn-out betroffen zu sein, mit entscheiden.

Antwort Carmen Jux: Sie müssen dem Arbeitgeber nicht die genaue Diagnose mitteilen. Manchmal ist es sinnvoll, dem Chef zu sagen, mit welchen Einschränkungen eine vorliegende Erkrankung momentan verbunden ist. So erreicht man in der Regel ein besseres Verständnis.

...Er lebt im Pflegeheim und ich gehe in drei Schichten arbeiten. Ich besuche ihn täglich. Am Anfang bin ich noch regelmäßig zum Sport gegangen und hatte Kontakt mit Freunden, Bekannten und Familie. Jetzt bereitet es mir schon Mühe, nur meine Eltern anzurufen (Familie wohnt in 300 km Entfernung). Mein Tag muss immer gleich ablaufen. Sachen die meinen Mann betreffen, erledige ich immer sofort. Alles andere wird hinten angestellt. Ich denke zwar, das ist krank, aber ich bin nicht in der Lage, daran etwas zu ändern. Meine Ärztin meinte, ein Psychologe kann mir meine Probleme nicht nehmen. Sind das Anzeichen einer Depression? Meine Arbeitskollegen sind der einzige soziale Kontakt, wenn ich Urlaub habe, ist der Höhepunkt des Tages der Besuch meines Mannes. Soll ich mir Hilfe suchen?

Antwort Detlef Staadt: Ihre Schilderungen sind noch kein Anzeichen für eine Depression. Vielmehr wird deutlich, dass Sie wohl sehr "pflichtbewußt" alle Arbeiten erledigen, die Ihren Mann betreffen, den Sie ganz offensichtlich sehr lieben. Das ist ein Zeichen von Stärke! Aber bei aller Liebe, die Ihnen im Moment noch die Kraft gibt, alles zu bewältigen, dürfen Sie sich selbst auf keinen Fall vergessen. Die von Ihnen beschriebenen Dinge wie Sport und das Pflegen soziale Kontakte sollten Sie unbedingt weiter in Ihren Alltag integrieren. Das alles ist wichtig, um Ihnen die Möglichkeit zur Erholung zu geben, denn diese ist wiederum notwendig, damit Sie sich auch künftig um Ihren Mann kümmern können. Ansonsten droht Ihnen schon sehr bald eine große Erschöpfung, die in ein Burn-out-Syndrom münden könnte. Daraus könnte sich dann wiederum eine Depression entwickeln. Daher sollten Sie vorbeugen und auch zu sich selbst "lieb sein". Versuchen Sie deshalb, Angehörige und Freunde in die Pflege Ihres Mannes einzubinden.

Antwort PD Dr. Christine Rummel-Kluge: Das Krankheitsbild Burn-out ist nicht klar definiert, in den aktuellen Klassifikationssystemen gibt es nicht einmal eine Diagnose Burn-out. Oft steckt hinter dem Begriff Burn-out eine depressive Erkrankung. Bei vielen Menschen, die über Burn-out klagen, liegen die für die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitsanzeichen vor, dazu gehört immer auch das Gefühl der Erschöpfung. Burn-out ist "kontextbezogen", tritt im Rahmen der Arbeit auf, eine Depression dagegen betrifft alle Lebensbereiche.

Antwort Dr. Morad Ghaemi: Sie sollten Ihren einweisenden Arzt darauf ansprechen. Wenn er den Eindruck hat, dass eine Behandlung dringend erforderlich ist, kann er selbst mit den entsprechenden Kliniken Kontakt aufnehmen. Das führt häufig zu einer schnelleren Aufnahme!

Antwort Carmen Jux: Nein, sie können Ihren Job nicht verlieren, wenn der Arbeitgeber von Ihrer Erkrankung erfährt. Sie sollten jedoch im Einzelfall überlegen, ob es notwendig ist, dass der Arbeitgeber die genaue Diagnose kennt. Hierzu kann sie ihr zuständiger Betriebsarzt beraten. Lassen sie sich dort einen Termin in der Sprechstunde geben. Sollten sie diese Möglichkeit nicht haben, wenden Sie sich an Ihren Hausarzt. Manchmal ist es sinnvoll, dem Arbeitgeber zu signalisieren, dass eine Erkrankung vorliegt, um die man sich aktiv kümmert. Bei dieser Gelegenheit kann man dem Arbeitgeber mitteilen, mit welchen Einschränkungen die Krankheit vorübergehend verbunden ist.

...Oder decken alle Berufsunfähigkeitsversicherungen diese Art von Erkrankungen automatisch mit ab?

Antwort Christoph Andersch: Psychische Erkrankungen sind - wie auch alle anderen Krankheiten, Unfälle und ähnliches - über eine private Berufsunfähigkeitsversicherung abgesichert. Eine spezielle Klausel, um psychische Erkrankungen in den Versicherungsschutz aufzunehmen, ist nicht erforderlich.

....Obwohl sie noch jung ist und im Herbst ihr Masterstudium beginnen will, hat sie bereits Zukunftsängste und ist oft krank (Erkältungen etc). Können auch junge Menschen schon von einem Burn-Out betroffen sein? Was sind die ersten Schritte, dich ich tun kann, um sie auf ihren ungesunden Lebenswandel hinzuweisen?

Antwort Detlef Staadt: Vom Burn-Out-Syndrom kann jeder Mensch, vollkommen unabhängig vom Alter, betroffen sein. Das liegt darin, dass das Burn-Out-Syndrom nicht nur von äußeren Faktoren - wie beispielsweise dem Arbeitsplatz, der Schule oder dem Studium -, sondern vor allem auch von inneren Faktoren verursacht werden kann. Zu diesen Faktoren gehören etwa ein verzerrtes Selbstbild, ein niedriges Selbstwertgefühl, zu wenig Selbstbewusstsein oder auch ein schlechtes Zeitmanagement. Daher können auch sehr junge Menschen von einem Burn-out betroffen sein. Die Zukunftsängste Ihrer Freundin und die psychosomatischen Anteile - häufige Krankheiten - sind deutliche Hinweise auf das Burn-out-Syndrom. Da es chronisch werden kann, wenn es nicht behandelt wird, sollte man auch bei jungen Menschen möglichst schnell eine Psychotherapie einleiten, um das Thema zu erarbeiten und um eine individuelle Lösung zu entwickeln.

...Wie kann ich erkennen, ob ich wieder für eine neue Tätigkeit bereit bin? Ich habe immer noch viele Momente der Traurigkeit, Ängste, teilweise Verzweiflung, wie mein Leben weitergeht. Einen Therapieplatz zu bekommen ist allerdings sehr schwer bei Ärzten, die über die Kasse abrechnen. Was kann ich sonst noch tun?

Antwort PD Dr. Christine Rummel-Kluge: Ob Sie wieder bereit sind für eine neue Tätigkeit, lässt sich aus der Ferne nicht gut einschätzen, das sollten Sie unbedingt mit Ihrem behandelnden Arzt besprechen! Eine Psychotherapie kann bei den geschilderten Umständen sehr hilfreich sein, gerade auch begleitend bei einem Wiedereinstieg in das Berufsleben. Hier sollten Sie sich nicht von Wartezeiten entmutigen lassen. Der sozialpsychiatrische Dienst in Ihrem Wohnort beispielsweise ist als Anlaufstelle empfehlenswert, da sich die Mitarbeiter dort immer gut mit Angeboten in der direkten Umgebung auskennen.

...Und wie lange dauert so ein Prüfungsverfahren?

Antwort Christoph Andersch: Unabhängig von der Art der Erkrankung, die zu einer eventuellen Berufsunfähigkeit führt, werden zunächst direkt vom Versicherten Auskünfte zur vorliegenden Krankheit und zur beruflichen Situation eingeholt. Dies geschieht in der Regel mittels eines Fragebogens. Nach dessen Auswertung durch den Leistungsprüfer werden im Regelfall die den Versicherten behandelnden Fachärzte befragt und um eine prozentuale Einschätzung der beruflichen Leistungsfähigkeit gebeten. Sollte diesen eine hinreichende Beurteilung nicht möglich sein, wird im Normalfall durch den Versicherer eine fachärztliche Begutachtung bei unabhängigen Instituten oder Kliniken veranlasst. Wie lange ein Prüfungsverfahren im einzelnen dauert, lässt sich nicht pauschal beantworten, da jeder Einzelfall sehr individuell geprüft werden muss.

Antwort Carmen Jux: Die Heilungschancen bei einem Burn-out sind grundsätzlich gut. Es ist wichtig, dass man sich in adäquate Behandlung begibt, etwa bei einem Facharzt für Psychiatrie oder einem Psychotherapeuten. Je nach Schwere kann ambulant oder auch stationär behandelt werden. Entsprechend variiert auch die Behandlungsdauer sehr stark.

Antwort Christoph Andersch: Sicherlich ist es schwierig, bei einer schon einmal vorhandenen psychischen Erkrankung einen vollumfänglichen Versicherungsschutz zu erhalten. Eine generelle Ablehnung eines Antrags ist damit jedoch nicht verbunden. Jeder Einzelfall wird dahingehend geprüft, in welcher Form Versicherungsschutz geboten werden kann. So besteht etwa die Möglichkeit, psychische Erkrankungen vom Versicherungsschutz auszuschließen, so dass zumindest für alle weiteren Risiken wie etwa Herz-Kreislauferkrankungen, Krankheiten des Bewegungsapparates, Krebserkrankungen, Unfälle und viele mehr Versicherungsschutz bestehen würde. Es ist daher durchaus ratsam, auch mit den geschilderten gesundheitlichen Vorbelastungen eine Berufsunfähigkeitsversicherung zu beantragen.

...Wie kann ich herausfinden, ob es sich dabei um "normale" Gefühle handelt oder schon um eine belastende Krankheit beziehungsweise Störung? Wie kann ich Ihnen helfen?

Antwort PD Dr. Christine Rummel-Kluge: Die beschriebenen Symptome können beispielsweise im Rahmen einer depressiven Erkrankung auftreten. Um das herauszufinden, ist es wichtig, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, etwa beim Hausarzt. Wichtig ist es zu sehen, ob die Betroffenen deshalb einen Leidensdruck haben. Jeder schläft gelegentlich schlecht oder ist aufgeregt vor einer Prüfung, aber wenn diese Symptome über längere Zeit - also mindestens zwei Wochen - anhalten, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.

Antwort Dr. Morad Ghaemi: Das ist eine sehr gute Frage! Die Grenze ist eher eine quantitative als eine qualitative. Wenn der Ärger über die Arbeit, das Gefühl der Erschöpfung, des Ausgebranntseins, die Schlaflosigkeit dauerhaft über viele Wochen bestehen und man kaum über etwas anderes mehr nachdenken kann, ist diese Grenze sicher überschritten und man sollte sich Hilfe holen. Ein gelegentliches Gefühl von Überforderung, Schlafprobleme vor wichtigen Terminen und ähnliche Phänomene, welche von selbst wieder abklingen, sind dagegen meist kein Grund zur Sorge. Aber vor allem hängt dies natürlich von der persönlichen Disposition ab. Im Zweifel ist es immer sinnvoll, zumindest dem Hausarzt von den Beschwerden zu berichten, der dann eine erste Einschätzung abgeben kann.

Antwort Christoph Andersch: Unabhängig davon, wegen welcher Erkrankung eine Berufsunfähigkeit eintritt, ist die gesetzliche Absicherung nur unzureichend und stellt lediglich eine Grundversorgung dar. Um bei einer eintretenden Berufsunfähigkeit den erreichten Lebensstandard halten zu können, genügt es demzufolge keineswegs, sich auf die gesetzliche Absicherung zu verlassen.

...Gibt es "psychologische" Tricks, wie ich einen Psychologen von der Dringlichkeit überzeugen kann? Oder sollte ich einfach mit Suizid drohen...?

Antwort PD Dr. Christine Rummel-Kluge: Im Notfall können Sie sich in einer psychiatrischen Klinik vorstellen, dort ist immer ein Arzt erreichbar. Als Anlaufstelle geeignet ist auch der sozialpsychiatrische Dienst, den es in allen Städten gibt.

Antwort Carmen Jux: Sie sollten in einem persönlichen Gespräch mit dem Mitarbeiter die Auffälligkeiten sachlich ansprechen. Im Anschluss daran sollten Sie ihm die möglichen Hilfestellen Ihres Hauses nennen, das können der Betriebsarzt und/oder die Sozialberatung sein. Fragen Sie auch, was Sie als Vorgesetzte beziehungsweise Personalleiterin unterstützend tun können. Prüfen Sie, ob eventuell arbeitsorganisatorische Veränderungen zur Besserung beitragen können.

Antwort Christoph Andersch: Ja, ein Burn-out-Syndrom fällt unter den Oberbegriff der psychischen Erkrankungen.

Antwort Detlef Staadt: Zunächst wäre es sinnvoll, dass Sie sich vergewissern, ob tatsächlich ein Burn-Out-Syndrom vorliegen könnte. Bevor dies nicht sicher ist, hat Ihr Partner natürlich auch nicht die Motivation, sich Hilfe zu suchen. Eventuell hat er dabei auch noch eine gewisse Scham. Informieren könnten sie sich beispielsweise im Internet, indem Sie die Begriffe "Burn-Out-Syndrom" oder "Maslach-Burnout-Inventar" bei einer Suchmaschine wie Google eingeben. Das "Maslach-Burnout-Inventar" ist ein Fragebogen zum Selbsttest. Empfehlenswert ist auch folgendes kleine Büchlein: Prof. Wolfgang Seidel: "Burnout", erschienen im Humboldt-Verlag.

Antwort Carmen Jux: Sie sollten mit Ihrem Chef im Mitarbeitergespräch auf sachlicher Ebene klären, wo Sie Schwierigkeiten in der Ausübung Ihres Berufes sehen. Sie sollten ihm klar machen, was Sie benötigen, um in Ihrem Job gesund zu bleiben. Hier müssen sie nicht unbedingt den Burn-out erwähnen. Bei gesundheitlichen Problemen, die zu Leistungseinschränkungen führen, macht es Sinn, dem Vorgesetzten dies ohne Nennung der Diagnose zu erläutern. So stößt man auf mehr Verständnis.

Antwort Dr. Morad Ghaemi: Psychopharmaka werden in der Regel dann eingesetzt, wenn depressive Beschwerden ausgeprägt vorhanden sind. Vor allem Schlafstörungen, starke innere Unruhe und Ängste müssen oft medikamentös behandelt werden, da eine Gesprächstherapie allein meist nicht ausreicht und eine rasche Linderung der Beschwerden erforderlich ist.

Antwort Christoph Andersch: Besonders in Ihrem Alter ist es - unabhängig von der familiären Situation - sinnvoll, eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen. Gerade in jungen Jahren ist die gesundheitliche Situation meist gut und damit problemlos versicherbar. Des Weiteren ist die Absicherung in Ihrem Alter im Allgemeinen zu äußerst günstigen Beiträgen zu bekommen. Die Höhe der Berufsunfähigkeitsrente sollte in etwa 70 bis 80 Prozent Ihres Nettoeinkommens abdecken.

Antwort Carmen Jux: Sie müssen Ihren Arbeitgeber immer über das Vorliegen einer Arbeitsunfähigkeit informieren. Sie sind jedoch nicht verpflichtet, ihn über die Diagnose zu unterrichten.

Antwort Dr. Morad Ghaemi: Wenn es möglich ist, sollte man eine ambulante Therapie einer stationären vorziehen. Diese Entscheidung hängt aber vor allem davon ab, wie ausgeprägt die Beschwerden sind. Bei schweren depressiven Beschwerden und einer erfolglosen ambulanten Therapie käme eine stationäre Behandlung in Betracht.

...Welche Tipps haben Sie, damit ich mein Gleichgewicht und den Spaß am Job wieder finde?

Antwort PD Dr. Christine Rummel-Kluge: Hier ist es wichtig, professionelle Hilfe etwa durch den Hausarzt in Anspruch zu nehmen und zu schauen, ob vielleicht auch andere Lebensbereiche von dieser Lustlosigkeit und Niedergeschlagenheit betroffen sind. Ein Burn-out ist "kontextbezogen", eine Depression dagegen betrifft alle Lebensbereiche.

Antwort Christoph Andersch: Dadurch, dass Sie keine gesetzliche Berufsunfähigkeitsabsicherung haben, kann der Eintritt einer Berufsunfähigkeit für Sie existentielle Folgen haben. Eine private Absicherung ist daher unbedingt zu empfehlen. Vor Abschluss eines Vertrages ist es ratsam, sich über den geplanten Anbieter über unabhängige Recherchen und Veröffentlichungen - beispielsweise in "Finanztest" - zu informieren. Hierbei sollten Sie auf sehr gute Testergebnisse achten.

Antwort PD Dr. Christine Rummel-Kluge: Oft steckt hinter einem Burn-out eine depressive Erkrankung - und die kann wiederkommen. Aber auch bei einem Burn-out ist es oft wichtig, grundsätzliche Veränderungen in der Lebensweise vorzunehmen und sich beispielsweise von ständigen, chronischen Stressfaktoren zu entlasten und für mehr Erholungs- und Entspannungsmöglichkeiten zu sorgen.

Antwort Detlef Staadt: Meistens entsteht ein Burn-out sehr langsam und schleichend. In Ihrem Fall könnte die Dauererschöpfung allerdings tatsächlich schon ein deutliches Anzeichen für ein Burn-Out-Syndrom sein. Versuchen Sie in der Freizeit sehr aktiv und bewusst "abzuschalten". Beginnen Sie Freizeitaktivitäten, die Ihnen Spaß machen und bei denen Sie sich ohne Leistungsdruck wohl fühlen können - wie beispielsweise Sport, andere Hobbys oder das Knüpfen neuer Sozialkontakte. Geben Sie diesen Freizeitaktivitäten die gleiche Wichtigkeit, die Sie Ihrem Beruf geben!

Antwort Christoph Andersch: Nein, das müssen Sie nicht: Ein Berufswechsel oder auch eine sonstige so genannte Gefahrerhöhung - wie beispielsweise eine risikobehaftete Freizeitaktivität - nach Vertragsabschluss sind nicht anzuzeigen.

Antwort Carmen Jux: Von den gesetzlichen Krankenversicherungen werden die unterschiedlichsten Präventionsangebote übernommen. Am einfachsten ist es, bei der eigenen Krankenkasse nachzufragen, welche Angebote gefördert werden. Meist erhält man dann auch direkt Adressen von regionalen Anbietern.

Antwort Dr. Morad Ghaemi: Entscheidend ist ihr persönlicher Leidensdruck. Wenn Sie das Gefühl haben, völlig überfordert zu sein und sich aus eigener Hilfe nicht daraus befreien zu können, sollten Sie sich Hilfe suchen. Als erster Ansprechpartner bietet sich Ihr Hausarzt an. Wenn dieser den Eindruck gewinnen sollte, dass eine behandlungsbedürftige Störung vorliegt, kann er Sie an einen geeigneten Spezialisten weiter überweisen.

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