Verkehr
Artikel vom 05.10.2016

Geisterfahrer: Was tun, wenn jemand die falsche Spur erwischt?

Ein unachtsamer Moment, einmal in die falsche Fahrspur eingefädelt - und schon wird man unversehens zum Geisterfahrer. Das passiert wesentlich häufiger, als die meisten wohl glauben würden: Jährlich gibt es rund 1.800 Warnmeldungen im Radio zu Falschfahrten auf Autobahnen, das hat eine Studie des Bundesamtes für Straßenwesen ergeben. Das Problem: Der Warnhinweis kommt womöglich die entscheidenden Sekunden zu spät. Eine neue, cloudbasierte Lösung ist deutlich schneller - und könnte auf diese Weise in Zukunft so manchen durch einen Falschfahrer verursachten Unfall verhindern. Hier erfahren Sie mehr dazu, was es damit auf sich hat und wie Sie sich generell vor der Gefahr schützen können.

Eine latente Gefahr auf unseren Autobahnen

Im Rückspiegel eines Autos ist ein Mann zu erkennen, der falsch auffährt.
Wo geht's lang? Das falsche Auffahren an der Anschlussstelle gilt als eine Hauptursache für das Fehlverhalten. Foto: djd/Robert Bosch

Oft genug führen Falschfahrten zu kritischen Situationen und teilweise zu schweren Unfällen - im schlimmsten Fall mit tödlichem Ausgang. So ereignen sich jedes Jahr etwa 80 Falschfahrt-Unfälle, 20 Menschen verlieren aufgrund der Falschfahrten ihr Leben auf deutschen Autobahnen. Nicht immer ist feststellbar, welches Fehlverhalten zur Geisterfahrt führte. Soweit rekonstruierbar, ist falsches Auffahren an Anschlussstellen eine besonders häufige Ursache.

Geisterfahrer voraus - was tun?

Die Schrecksekunde ist groß, wenn man registriert: Genau auf dem Streckenabschnitt, den ich gerade befahre, wird vor einem Geisterfahrer gewarnt. Die allerwichtigste Grundregel lautet in diesem Fall: Ruhe bewahren, nicht in Panik verfallen, sondern besonnen reagieren:

  • nur die rechte Spur benutzen
  • nicht überholen
  • die Geschwindigkeit anpassen
  • besonders wachsam und jederzeit bremsbereit sein.
Fahrer erhält im Auto eine Warnmeldung vor einem Falschfahrer und wird aufgefordert die Spur zu wechseln.
Vorsicht Geisterfahrer! Ein neues cloudbasiertes System kann künftig schneller und präziser vor der Gefahr auf Autobahnen warnen. Foto: djd/Robert Bosch

Warnmeldungen vor Geisterfahrern kommen oft zu spät oder sind zu ungenau

Schon der Warnhinweis im Radio lässt einen schaudern. Doch leider ist die Warntechnologie häufig zu langsam. Der Grund dafür: Heute werden Autofahrer in Deutschland über den sogenannten Traffic Message Channel (TMC) in ihrem Autoradio vor Geisterfahrern gewarnt. Doch die Zeitspanne zwischen dem eingehenden Notruf bei der Polizei und der Verkehrswarnmeldung liegt im Durchschnitt bei dreieinhalb bis vier Minuten. In vielen Fällen hat es in dieser Zeit längst gekracht. Im Übrigen werden Warnungen in einem sehr großen und damit oft nicht relevanten Umkreis gesendet. Das führt zu einer erheblichen Zahl gegenstandsloser Meldungen - mit dem Risiko, dass Falschfahrer-Warnungen womöglich künftig nicht ausreichend ernst genommen werden.

Schnelle Geisterfahrer-Warnung über die Cloud

Für schnellere und präzisere Warnungen kann in Zukunft beispielsweise ein neues, cloudbasiertes Warnsystem von Bosch sorgen. Es warnt den Falschfahrer selbst und kann entgegenkommende Fahrer in seinem direkten Umfeld bereits in unter zehn Sekunden informieren. Die Lösung ist als Cloud-Dienst verfügbar und wird zunächst als Bestandteil der sogenannten myDriveAssist von Bosch angeboten. Die cloudbasierte Geisterfahrerwarnung kann aber auch in bereits bestehende Apps oder in Infotainment-Lösungen der Automobilhersteller eingebunden werden.

App zeigt Fahrer, dass er falsch aufgefahren ist.
Die Cloud-Lösung kann in Verbindung mit Apps oder dem Infotainment-System direkt eine Warnung an den Geisterfahrer senden. Foto: djd/Robert Bosch
App warnt direktes Umfeld vor Geisterfahrer
Autofahrer im direkten Umfeld und auf derselben Fahrbahn werden um ein Vielfaches schneller innerhalb weniger Sekunden vor dem Geisterfahrer gewarnt.
Foto: djd/Robert Bosch

Direkte Warnung an den Geisterfahrer

Das technische Prinzip der schnellen Warnung ist einfach erklärt: Nähert sich das Fahrzeug einer Autobahnauf- oder -abfahrt, sendet das Smartphone die aktuellen Bewegungsdaten (GPS) vollkommen anonymisiert und nicht zuordenbar an die Bosch-Cloud. Die erlaubten Fahrtrichtungen für diesen Streckenabschnitt sind in einer Datenbank hinterlegt. Die Falschfahrerwarnung vergleicht die aktuelle Fahrzeugbewegung mit der erlaubten Fahrtrichtung. Erkennt sie eine unzulässige Abweichung, erhält der Falschfahrer unverzüglich eine Warnung, zum Beispiel über eine Smartphone-App oder das fahrzeugeigene Infotainment-System. Zusätzlich erhält er eine situationsgerechte Handlungsempfehlung. Über die Cloud wird die Warnung zeitgleich an alle vernetzten Verkehrsteilnehmer im Gefahrenbereich übermittelt. Die Falschfahrerinformation kann künftig von Verkehrszentralen oder Straßenbetreibern in deren Infrastruktur eingebunden werden, um die Verkehrsteilnehmer über Anzeigetafeln an Schilderbrücken im Gefahrenbereich zu informieren.

Weiterer Ausbau des Warnsystems ist möglich

Die Funktion basiert auf einer zeitlich begrenzten, anonymisierten Meldung der eigenen Position an die Cloud. Je mehr Fahrzeuge vernetzt sind, desto engmaschiger ist das unsichtbare Sicherheitsnetz, und umso vollständiger kann in Zukunft vor Falschfahrern gewarnt werden. Eine Erweiterung der Falschfahrerwarnung für Autobahn-Parkplätze, Bundesstraßen sowie Einbahnstraßen im städtischen Verkehr ist für die Zukunft schon angedacht. Beabsichtigtes Geisterfahren kann das System nicht verhindern - aber Geisterfahrer können schneller erkannt und gefährdete Autofahrer rechtzeitig gewarnt werden. So lassen sich viele kritische Situationen entschärfen und viele schwere Unfälle können verhindert werden.